Zwischenzeitlich im Süden Deutschlands

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Einleitung:
Meine Frau und ich sind – Überraschung – wieder mal heldenhaft beschäftigt damit, das tägliche Chaos des Lebens zu managen. Ganz ohne Applaus, versteht sich. Die Stieftochter residiert weiterhin im mondänen Dingolfing, dem Epizentrum bayerischer Urbanität, und kämpft tapfer ihren Kleinkrieg mit dem deutschen Führerscheinwesen. Multitasking ist ja kein Fremdwort: Studium und Führerschein. Man gönnt sich ja sonst nichts.

Inzwischen schreiben wir das Jahr 2026 – wer hätte gedacht, dass wir es so weit schaffen – und haben das neue Jahr in einem unfassbar spektakulären Rahmen begrüßt: Tochter, Frau und ich, vereint vor dem Fernseher, wo wir uns todesmutig durch das Feuerwerk aus Fremdscham und bleierner Langeweile namens „Silvestershow im Öffentlich-Rechtlichen“ gequält haben. Kultur pur. Tochter und Frau waren eher mit ihren Handys liiert als mit der eigentlichen Veranstaltung, während ich ab 20:00 Uhr versuchte, meine Gähnerei als tiefes emotionales Mitgefühl zu tarnen. Hat nur mittelgut funktioniert.

Aber das ist natürlich alles nur Vorspiel. Wichtig ist: Die Stieftochter strebt den heiligen Gral der deutschen Mobilität an – den Führerschein. Die theoretische Prüfung hat sie mit nur einem Fehlerpunkt bestanden. Tosender Applaus bitte! Danach begann das große Fahrstundenfestival.

Kleiner Haken: Sie hatte bereits einen chinesischen Führerschein. Den musste sie in Deutschland abgeben, weil wir hier offenbar nur Platz für ein Führerscheindokument im Herzen der Bürokratie haben. Kein Problem – in China sagt sie einfach, sie hätte das Ding verloren, und bekommt prompt ein neues. Globalisierung at its finest: Während Deutschland archiviert, druckt China nach.

Ihr Fahrlehrer? Ein sehr netter Mann – wenn man Niederbayerisch als Weltsprache beherrscht. Englisch? Fehlanzeige. Chinesisch? Haha. Dafür kann er „Bled g’fahrn!“ in acht Tonlagen, was pädagogisch ungefähr so hilfreich ist wie Morsezeichen im Nebel. Kommunikation läuft also auf höchstem pantomimischen Niveau: Er zeigt, sie nickt, und das Auto rollt.

Sie fährt jetzt einfach mal drauflos und hofft, dass die Verkehrsregeln sie unterwegs finden.

Im Studium dagegen: ein Lichtblick. Immer noch Jahrgangsbeste. Ja, das ist tatsächlich möglich – im Kopf brillant, im Auto noch im Beta-Test. Das Mathematik-Tutorium bringt sie sogar zum Lächeln, behauptet sie zumindest. Zwar war’s mehr Arbeit als eine Schicht im Steinbruch, aber hey: Das Ding ist jetzt abgehakt. Die letzte Stunde bestand aus einer Horde nervöser Erstsemester, die kollektiv in Prüfungsangst ertranken. Gut, dass wenigstens eine Person im Raum wusste, was sie tut.

LinkedIn – oder: der Sprung ins kalte Businesswasser:
Da habe ich natürlich meinen uralten, verstaubten Karriererat aus dem Archiv geholt und vorgeschlagen: Mach dir ein LinkedIn-Profil. Im fünften Semester steht das Praxissemester an, und wenn man heutzutage keinen digitalen Lebenslauf mit Designer-Layout und Buzzword-Bingo vorweisen kann, darf man sich gleich hinten in der Schlange der Praktikumssuchenden einreihen – direkt hinter dem Typen, der „Teamplayer“ dreimal in seinem Profil stehen hat.

Sie hat’s erstaunlich gut gemacht (habe ich wohl doch irgendwas richtig gemacht). Jetzt hat sie HR-Leute, Teamleiter und ein paar sehr beschäftigte Menschen in ihrem Netzwerk und kann offiziell behaupten, sie hätte Vitamin B – powered by Stiefvater. Die Bewerbungen dürfen jetzt mit großem Tamtam starten. Und wir? Wir üben derweil weiter das große Familienmantra: irgendwann wird auch die Praxisprüfung noch dazu.

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