Wie alles begann …

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Wir lernten uns Ende 2016 in Peking kennen. Zu dieser Zeit war ich oft zu Vortragsreihen in Asien unterwegs – also im Grunde beruflich unterwegs, um Menschen mit PowerPoint-Folien zu beeindrucken und so zu tun, als wäre „Automatisierung in Laboratorien“ der Stoff, aus dem große Liebesgeschichten gemacht sind. Spoiler: War er.

Asien hat mich schon seit früher Kindheit fasziniert: Kultur, Menschen, Geschichte – alles beeindruckend. Mein Beruf brachte es mit sich, dass ich oft nach Asien reisen durfte, vor allem nach Vietnam und China. Ich hielt Seminare, referierte über Automatisierung in Laboratorien, machte interne Audits für große Brauereien und gab Schulungen zur chemisch-physikalischen Analytik. Also ein Leben voller Romantik: Stempel, Messwerte und Qualitätsmanagement. Genau das, wovon man als Kind träumt.

Bei einem dieser Seminare – ich war von Thermo Fisher Scientific für eine Vortragsreihe in Peking gebucht – traf ich DongMei. Abends beim Galadinner. Wir saßen nebeneinander am Tisch und verstanden uns auf Anhieb. Als hätte jemand den „Kompatibilitäts-Check“ ohne Rückfragen einfach durchgewunken. Am nächsten Morgen trafen wir uns zum Frühstück, und sie zeigte mir ein bisschen die Stadt. Leider musste ich einen Tag später wieder abreisen. Aber es hatte sofort gefunkt – und zwar nicht so ein kleines Funkeln, sondern eher so „Sicherung raus, Gebäude evakuieren“.

Und durch ein Wunder blieben wir in Kontakt. Im März 2017 besuchte ich DongMei dann in Nanning. Das klingt im Rückblick immer so locker: „Ich bin mal rübergeflogen.“ In Wahrheit ist das natürlich ungefähr die ambitionierteste Form von „Ich mag dich“ die man aussprechen kann.

Irgendwann kam die Idee auf, zusammenzuziehen. Aber wie? DongMeis Tochter war damals noch in der Ausbildung, und meine Freundin konnte nicht einfach mal eben das Land verlassen. Das wäre außerdem eine Zumutung gewesen – und wenn wir eins nicht wollten, dann eine Beziehung führen, die auf „Mach halt einfach alles anders“ basiert. Also entschied ich mich, nach China zu ziehen. Weil wenn schon verrückt, dann konsequent.

Im Sommer 2017 begann ich, meine Kontakte zu nutzen und auf Jobsuche zu gehen. Ein ehemaliger Student von mir arbeitete damals als Braumeister bei Master Gao in Nanjing und sagte, die Firma suche dringend einen Quality Manager. Das war meine Gelegenheit: Visa beantragt, Job gekündigt, Haus verkauft, Flugticket gebucht – und im Oktober 2017: Goodbye Deutschland. Leicht dramatisch, aber sehr befreiend. Und vermutlich auch ein bisschen irre. Passt.

DongMei und ich lebten dann fast zwei Jahre glücklich zusammen in Nanjing. Ich als leicht unterforderter Quality Manager (ein Mann, der wahrscheinlich sogar in seiner Freizeit Checklisten erstellt), sie freischaffend im Gesundheitswesen. Es war ein gutes Leben – bis es mit der Firma bergab ging. Arbeitslos in China kam nicht in Frage, also suchte ich in Deutschland schnell einen neuen Job. Der Plan war immer, dass DongMei nachzieht: Ihre Tochter hatte inzwischen die Ausbildung beendet und arbeitete als Lehrerin in Nanning, DongMei hatte dort ihre Eigentumswohnung. Die Karten waren eigentlich gut.

Und trotzdem: Im Mai 2019 kehrte ich schweren Herzens nach Deutschland zurück, begann wieder bei null – und DongMei ging zurück nach Nanning. Weil das Leben ja gern beweist, dass „eigentlich“ kein Argument ist.

Dieser Abschied am Flughafen Lukou in Nanjing war einer der schrecklichsten Momente meines Lebens. Jeder ging in seine Richtung, und ich blickte ein letztes Mal mit Tränen in den Augen zurück. In diesem Moment fühlte sich die Welt ungeheuer ungerecht an. Nicht, weil wir uns nicht wollten – sondern weil wir uns wollten und es trotzdem so schwer war. Und genau da merkt man, was echt ist: Nicht, was leicht geht. Sondern was man trotz allem nicht loslässt.

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