Seit dem Schneesturm und der verlorenen Prüfung – eine Odyssee in Formularform
Seit dem legendären Schneesturm und der grandios vergeigten Prüfung Ende 2022 hat sich wieder so viel ereignet, dass ich ehrlich gesagt nicht weiß, ob ich mit chronologischer Ordnung oder therapeutischer Verarbeitung anfangen soll. Also mache ich beides gleichzeitig.
Zunächst ein aufrichtiges Dankeschön an das Goethe-Institut München – und zwar dafür, dass wir nun ganz sicher wissen, wo wir garantiert nie wieder eine Prüfung ablegen werden. Man lernt ja bekanntlich aus Erfahrungen. Manche sogar sehr gründlich.
Zum Glück existieren Alternativen. Zum Beispiel TELC, ebenfalls staatlich anerkannt, aber ohne den Charme einer preußischen Musteranstalt aus dem 19. Jahrhundert. Diese Prüfungen werden auch von privaten Sprachschulen angeboten – und Achtung: sogar ohne vorher verpflichtend einen Kurs belegen zu müssen. Revolutionär.
Deggendorf – wo Freundlichkeit kein Gerücht ist
Da wir in der Nähe von Deggendorf wohnen, meldete sich meine Frau beim ISA-Bildungszentrum Deggendorf an. Schon beim Betreten des Gebäudes war klar:
Hier wird man nicht behandelt wie ein sicherheitsrelevanter Zwischenfall.
Freundlicher Empfang, hilfreiche Informationen, kein passiv-aggressives Stirnrunzeln. Meine Frau fühlte sich sofort wohl – was in Deutschland bekanntermaßen kein Standard, sondern ein Glücksfall ist.
Der Prüfungstag kam im Februar 2023. Wir erwarteten eine Wiederholung des Goethe-Traumas:
Maskenpflicht, Testnachweis für eine Pandemie, die offiziell nicht mehr existiert, genervte Mitarbeiter, Massenabfertigung und emotionale Verwüstung.
Doch was geschah?
Ein 1:1-Prüfungstermin.
Nur meine Frau. Eine Prüferin. Keine Schlange, kein Chaos, kein Angstschweiß.
Zwar war sie nervös – aber die Prüferin tat etwas völlig Ungewöhnliches: Sie verhielt sich menschlich.
Ermutigend. Ruhig. Freundlich.
Ergebnis: 74 %.
Beim Goethe-Institut: 38 %.
Nein, die Prüfung war nicht leichter.
Das Umfeld war einfach… nicht menschenfeindlich.
Ausländerbehörde – wo Bürokratie zur Hochkunst erhoben wird
Mit dem Zertifikat bewaffnet beantragten wir umgehend einen Termin bei der Ausländerbehörde Dingolfing. Den bekamen wir sogar relativ schnell – man soll die Hoffnung ja nie ganz aufgeben.
Zertifikat eingereicht.
Doch halt: Jetzt braucht man plötzlich einen „ausführlichen Nachweis“ der Krankenversicherung.
Versicherungskarte?
Letzte zehn Gehaltsabrechnungen?
Natürlich nicht ausreichend.
Warum einfach, wenn es auch formvollendet kompliziert geht?
Aber gut. Bürokratie in Reinstform – Made in Germany.
Endlich Aufenthaltstitel – und gleich die nächste Klatsche
Vier Wochen später: Brief von der Behörde.
Die ID-Karte ist abholbereit! Jubel. Hoffnung. Erlösung.
Wir fahren nach Dingolfing – und bekommen:
- eine Aufenthaltskarte für 12 Monate
- Kosten: 100 Euro
- plus ein Formularpaket, das erklärt, dass meine Frau nun verpflichtend an einem Integrationskurs teilnehmen muss
Dieser Kurs:
5 Tage pro Woche.
Problem:
Meine Frau arbeitet 5 Tage pro Woche im Schichtdienst.
Kleines Detail, oder?
Meine höfliche Nachfrage, wie man das denn bitte gleichzeitig leisten soll, wurde mit einer bemerkenswert nüchternen Erklärung beantwortet:
Ohne B1-Zertifikat darf die Aufenthaltsgenehmigung nicht länger als 12 Monate ausgestellt werden.
Aha.
Also: Arbeiten ist gut.
Integrieren ist besser.
Beides gleichzeitig? Unzulässig.
Mir scheint: Deutschland pflegt eine ganz besondere Form von Willkommenskultur.
Man ist willkommen – solange man keine echten Lebensumstände hat.
Willkommen? Nicht so richtig.
Ich bin kein Mensch voller Vorurteile.
Aber es ist schwer zu ignorieren, dass jeder, der an der Grenze das Wort „Asyl“ aussprechen kann, sofort:
- Unterkunft
- finanzielle Unterstützung
- Integrationskurse
- Sozialleistungen
- Rechtsberatung in der eigenen Muttersprache erhält.
Meine Frau hingegen:
- arbeitet
- zahlt Steuern
- beantragt nichts
- fordert nichts
…und bekommt trotzdem das Gefühl, ständig beweisen zu müssen, dass sie überhaupt existieren darf.
Dieses Gefühl hat sie mir gegenüber mehrfach geäußert.
Und ganz ehrlich: Ich kann es nachvollziehen.
Fazit: Armes Deutschland? Leider ja.
Wenn Menschen sagen: „Armes Deutschland“, dann klingt das oft polemisch.
Aber nach dieser Odyssee durch Prüfungswesen, Ausländerbehörde und Integrationslogik kann ich nur sagen:
Da ist leider ziemlich viel Wahres dran.
Deutschland ist ein großartiges Land. Aber sein Bürokratieapparat ist offenbar ein eigenständiges Lebewesen, das sich ausschließlich von Formularen, Geduld und menschlicher Lebenszeit ernährt.