Schöne Zeiten

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Wir wussten beide, dass wir nicht viel Zeit miteinander hatten – also haben wir jede Minute genutzt. So richtig. Nicht dieses „wir haben viel gemacht“-viel, sondern dieses „wir vergessen kurz, dass die Welt aus Terminen, Regeln und Rückflügen besteht“-viel.

Ich wollte nicht, dass DongMei sich fühlt wie im Urlaub, sondern wie im echten Leben: willkommen, angekommen, ganz selbstverständlich dazugehörig. So sollte es ja auch später sein. Für uns beide war früh klar: Wir wollen zusammen sein. Vom ersten Moment an war da dieses unsichtbare Band – so ein leises „Du bist mein Mensch“, das nicht diskutiert werden muss. Und genauso war es auch in Deutschland: entspannt, ungezwungen, vertraut. Als wären wir ein Paar, das sich schon seit einer kleinen Ewigkeit kennt – nur dass wir eben zwei Wochen Zeit hatten und das Universum ständig „Zeitmanagement“ ins Megafon brüllte.

Zugegeben: Einen minutiösen Plan hatte ich nicht. Es gab ein paar Orte, die man gesehen haben muss – aber nichts Konkretes. Und ehrlich: Das war sogar gut. Weniger Checkliste, mehr wir. Flexibilität ist romantischer als Excel. Meistens.

Die ersten Tage ging es darum, Jetlag zu besiegen und den Adrenalinpegel runterzufahren. Das galt für uns beide. Am Freitag, den 28.05., hatte ich außerdem meine zweite Corona-Impfung. DongMei war vor dem Abflug bereits geimpft worden. Sehr romantisch – der moderne Liebesbeweis: „Ich bringe keine Viren mit, nur Gefühle.“

Als ersten Ausflug sind wir nach Regensburg gefahren. Nicht weit weg, perfekt für einen Tag – und es war ausgerechnet der erste Tag, an dem die Außengastronomie wieder öffnen durfte. Dazu wurde das Wetter besser: Die ersten zwei Tage hatte es fast nur geregnet und es war noch ziemlich kühl. Timing wie bestellt. Für Deutschland schon fast verdächtig.

Regensburg, Impftermin, und am Wochenende dann die grobe Planung für die nächste Woche. Am Samstag, den 29.05., entschieden wir uns für Neuschwanstein. Weil wenn Deutschland nach einem Lockdown wieder öffnet, macht man es richtig: Schloss, Berge, romantisches Hotel mit Schlossblick – und dieses „Wir sind wirklich hier“-Gefühl, das man sonst nur aus Filmen kennt.

DongMei war noch nie in Europa, und dadurch war alles doppelt aufregend. Das Wetter war perfekt, das Hotel in Hohenschwangau super. Neuschwanstein ist so ein Ort, bei dem man automatisch langsamer redet, weil man ständig „Wow“ denkt. Wir sind am Tag der Ankunft direkt den Berg hochgelaufen, haben Fotos gemacht und sind wieder runter. Karten für die Besichtigung hatten wir leider nicht bekommen – und ehrlich: Für uns war’s trotzdem perfekt. Wir wollten nicht durch Räume laufen, wir wollten zusammen dort stehen und diesen Moment haben. Am Abend sind wir in ein typisch deutsches Restaurant im Ort gegangen. Lecker – und irgendwie auch süß, weil es sich anfühlte wie: „Okay, das ist jetzt wirklich unser kleines deutsches Kapitel.“

Am nächsten Morgen nach dem Frühstück ging es zur Tegelbergbahn. Ein Katzensprung entfernt – und oben dann dieser Blick auf die Alpen, der einem das Herz kurz aus der Brust hebt. Und dazu gab’s einen genauso prächtigen Sonnenbrand. Romantische Souvenirs. Manche bringen Magnete mit, wir brachten UV-Schäden.

Nachmittags fuhren wir wieder nach Hause – und dann stand München auf dem Programm. Erst der obligatorische Besuch des Olympiastadions (wir waren übrigens die einzigen im ganzen Stadion – also quasi VIP, nur ohne Glamour). Danach Innenstadt. Wir trugen „Partner-T-Shirts“, weil wir für zwei Wochen beschlossen hatten, komplett unapologetisch glücklich zu sein.

Wir setzten uns durstig in ein Straßencafé. Dort wurden wir nicht bedient, obwohl gefühlt fünf Leute vom Personal uns gesehen haben. Sehr peinlich für München – und wir haben unser Geld dann woanders ausgegeben. Ich wusste bis dahin nicht, dass München manchmal so… unfreundlich selektiv sein kann. Leider habe ich den Namen vergessen, aber ich erinnere mich gut: Es war auch irgendwie Galerie oder Museum. Noch peinlicher, wenn man sich dann so präsentiert.

Abends haben wir das wieder gut gemacht: Hotpot. Chois Hotpot & Lounge ist wirklich eine Empfehlung. Wenn man authentisch Hotpot essen will, ist das ein Volltreffer – und es war genau das Richtige: warm, lebendig, gemeinsam am Tisch, wie ein kleines Ritual. Essen ist manchmal die romantischste Sprache, weil man dabei nichts erklären muss.

In dieser kurzen Zeit haben wir unglaublich viel zusammen erlebt – und sind wieder enger aneinander gewachsen. Diese zwei Wochen haben uns gezeigt, wie gut wir immer noch harmonieren. Unser Entschluss stand fest: Wir wollen endlich heiraten. Erst in Deutschland – und dann mit der Familie zusammen in China. Und dann kam der Moment, den wir beide gefürchtet haben: Abschied. Er stand fest, aber er fühlte sich trotzdem unfair an.

Aber da war auch etwas Tröstliches: Wir hatten nicht einfach „Urlaub“. Wir hatten Alltag, Abenteuer, Lachen, kleine Ärgernisse, große Gefühle – kurz: ein echtes Stück gemeinsames Leben. Und genau deswegen war es so klar: Das war kein Besuch. Das war ein Anfang.

 

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