Corona regiert die Welt und beflügelt die Ideen der Verschwörungstheoretiker. Uns war das egal – wir wollten nur eins: Wir wollten uns wiedersehen. Nicht die Wahrheit über 5G entschlüsseln, nicht Chips im Impfstoff suchen, nicht „Wake up“-Sticker kleben. Einfach nur: endlich wieder zusammen sein.
Im August 2020 beschloss die deutsche Bundesregierung, dass nicht nur Eheleute, sondern auch Partner sich unter gewissen Voraussetzungen besuchen dürfen. Wir kannten uns zu dem Zeitpunkt bereits fast vier Jahre. Ein kleines bisschen Beziehungserfahrung, könnte man sagen. Natürlich funktioniert das Ganze nur in eine Richtung: von China nach Deutschland. Weil Gleichberechtigung ja schön ist, aber bitte nicht beim Reisen. DongMei und ich haben lange diskutiert und beschlossen: Sie kommt nach Deutschland. Mutigste Frau der Welt. Wirklich. Ich kann kaum stressfrei zum Zahnarzt gehen, und sie steigt inmitten einer Pandemie in ein Flugzeug Richtung Europa.
Zunächst haben wir Informationen gesammelt. Die Visa-Zentren in China waren weiterhin geschlossen, also wandten wir uns direkt an das zuständige deutsche Konsulat in Guangzhou. Auf meine dritte E-Mail-Anfrage – die ersten beiden wurden einfach ignoriert, so wie man auch Werbeanrufe ignoriert – kam dann endlich eine Antwort. Eine unpersönliche Standardantwort, die so automatisch klang, dass vermutlich auch ein Kühlschrank sie hätte verschicken können. Inhalt: Visa zu touristischen Zwecken werden derzeit nicht ausgestellt.
Danke. Grandios. Haben die meine Anfrage überhaupt gelesen? Was war denn nun mit den viel gepriesenen Familien- und Partner-Visa? Oder zählt „Partner“ nur, wenn man gemeinsam eine GmbH gegründet hat?
Also nächster Schritt: Wir kontaktierten das deutsche Außenministerium. Dort war man immerhin etwas persönlicher und zugänglicher. Das Außenministerium signalisierte uns, dass sie unser Anliegen an das zuständige Konsulat in Guangzhou weiterleiten würden.
Drei Tage später kam dann plötzlich die Antwort des Konsulats – und wir konnten uns sogar einen Besuchstermin aussuchen. Das kam… überraschend. Vor allem, weil wir zu dem Zeitpunkt noch gar keine Dokumente vorbereitet hatten. Panik! Wir baten um Aufschub, und das Konsulat war tatsächlich kooperativ: Wir sollten alles in Ruhe vorbereiten und uns dann wieder melden. Ein Moment, der so freundlich war, dass man kurz an Wunder glaubt.
Also: Was wird benötigt für ein Familien- und Partner-Visum?
-
pdf-merkblatt-schengenvisum_deutsch
-
pdf-merkblatt-schengenvisum
(Weil nichts so romantisch ist wie Merkblätter.)
Dann die Klassiker:
-
Ein persönlich signiertes Einladungsschreiben
-
Ein online ausgefüllter Visumantrag (bitte ausdrucken, weil wir Digitalisierung lieben, aber nur als Konzept)
-
Eine Verpflichtungserklärung von der zuständigen deutschen Ausländerbehörde
Für die Verpflichtungserklärung braucht man ein monatliches Nettoeinkommen von ca. 2.400 Euro und ausreichend Wohnraum. Also auch kein Problem. Man muss ja nur existieren, Geld verdienen, Wohnraum besitzen und dabei ruhig bleiben.
Zusätzlich mussten wir eine eidesstattliche Versicherung abgeben, dass wir uns bereits persönlich kannten. Wenn zwei Jahre zusammen leben und danach regelmäßiger Videochat nicht „persönlich“ ist – was ist es dann? Astralprojektion? Telepathie? Ein Missverständnis mit guter Kameraqualität?
Also ab zur Post und die Dokumente im Original per DHL-Dokumentenversand nach China geschickt (67 Euro). Eine Woche später kamen die Unterlagen tatsächlich unversehrt an. Und plötzlich war Dezember 2020.
Inzwischen hatte sich die Corona-Situation in Deutschland deutlich verschlechtert, alles war geschlossen, Reisen im eigenen Land war plötzlich nicht mehr gestattet – und es machte keinen Sinn, dass DongMei unter diesen Umständen nach Deutschland kommt, um dann auf einem Sofa zu sitzen und den Lockdown zu bestaunen. Romantik-Level: „Wir schauen gemeinsam zu, wie alles zu hat.“
Also beschlossen wir, noch ein paar weitere Monate abzuwarten…
Denn Geduld ist in einer Fernbeziehung nicht nur eine Tugend – sie ist praktisch die Hauptwährung.