Die Geburtsurkunde

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Dokumente müssen natürlich der richtigen Form entsprechen … weil der Inhalt ja wirklich nebensächlich ist. Hauptsache, die Papiere sehen so aus, wie Papier eben auszusehen hat. Liebe ist vergänglich – Formatvorgaben sind für die Ewigkeit.

Alle Dokumente waren zunächst auch ganz leicht zu beglaubigen. Zum Schluss sogar die Geburtsurkunde, nachdem die Eltern eingetragen waren. Man denkt kurz: „Wow, das läuft ja.“ Und genau da macht man den Fehler: Optimismus.

Abends ging es nach Guangzhou, um am nächsten Morgen alles persönlich beim deutschen Konsulat zur Legalisierung einzureichen. Es sollte ja alles ohne Termin funktionieren. Süß, oder? Diese naive Vorstellung, dass ein deutscher Behördenprozess einfach mal so „ohne Termin“ funktioniert.

Die Security am Eingang war allerdings anderer Meinung und bestand darauf, dass ohne Termin kein Besuch des deutschen Konsulats möglich sei. DongMei ist nicht auf den Mund gefallen und erklärte ihm, dass ich – also ihr zukünftiger Ehemann – den Termin gemacht hätte und er Schwierigkeiten bekäme, wenn er sie nicht sofort durchlasse. Der Tonfall muss überzeugend genug gewesen sein, denn die Security ließ sie durch. Man merkt: Am Ende ist es wie überall – nicht das System entscheidet, sondern die Performance am Eingang.

Die eidesstattliche Versicherung war ja schon in Deutschland von einer chinesischen Bekannten als Dolmetscher unterschrieben worden. DongMei musste das Konsulat also nur noch nutzen, um ihre eigene Unterschrift beglaubigen zu lassen. Dachten wir. Natürlich muss der Dolmetscher auch anwesend sein, wenn sie unterschreibt – weil man ja sonst nicht sicher sein kann, ob sie wirklich sie selbst ist, oder vielleicht ein besonders talentierter Doppelgänger mit identischer Handschrift.

Aber immerhin: Das Konsulat war so nett und hat das Formular mit DongMei zusammen ausgefüllt und gleich auch noch als Dolmetscher unterschrieben. Vielen Dank an den lieben Mitarbeiter des deutschen Konsulats! Ein seltener Moment, in dem jemand nicht nur stempelt, sondern auch denkt. Fast schon unheimlich.

Und dennoch: Da war sie wieder – die Geburtsurkunde. Der Endgegner.

Die Geburtsurkunde konnte nicht legalisiert werden, weil irgendwo eine Hausnummer fehlte. Nicht etwa, weil etwas falsch war – nein, weil irgendwo eine Ziffer nicht stand. Ein dramatischer Mangel. Ohne Hausnummer kann man ja nicht sicher sein, ob DongMei wirklich geboren wurde oder ob das alles nur ein Gerücht ist.

Also wieder zurück nach Nanning und das ändern lassen. Der Notar hat zum Glück mitgespielt und die Umtragung war sehr schnell gemacht. Trotzdem musste die Urkunde neu ausgestellt, beglaubigt und überbeglaubigt werden – weil man aus Prinzip nichts einfach korrigiert, sondern immer gleich das komplette Ritual wiederholt. Diesmal wurde jemand beauftragt, das Dokument beim Konsulat erneut einzureichen. Also: Geburtsurkunde in die Post und warten.

Fünf Tage später waren alle Dokumente komplett. Hurra!
Bis zum nächsten fehlenden Komma.

 
 

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