Einleitung
Es ist kaum zu glauben, aber tatsächlich sind fast zwei Jahre vergangen, seitdem wir das letzte Mal in China bei der Familie waren. Damals zum chinesischen Neujahrsfest – ein Ereignis, das man wohl am ehesten mit einer Silvesterparty auf Steroiden vergleichen kann: Feuerwerk, Essen, Trubel, rote Umschläge, und irgendwo dazwischen dieses Gefühl, dass man gleichzeitig herzlich willkommen ist und permanent im Weg steht. Kurz: das komplette kulturelle Fitnessprogramm.
Diesmal fliegen wir nach dem Neujahrsfest zurück in unsere Wahlheimat. Wobei „Wahlheimat“ ein dehnbarer Begriff ist – meine Frau möchte natürlich ihre Familie sehen, und ich… na ja, ich habe mich inzwischen auch recht gut an den Zustand gewöhnt, ständig als Schwiegersohn auf Abruf zu funktionieren. Meine Schwiegerfamilie besteht aus einer älteren Mutter, drei Brüdern und drei Schwestern. Alle herzlich, alle interessiert – und alle erstaunlich aufmerksam, wenn es ums Thema „wann wir endlich mal wieder kommen“ geht. Man könnte sagen: Ich reise nicht nach China. Ich werde einbestellt.
Von Ende März bis einschließlich Mitte April sind wir also wieder mittendrin im Reich der Mitte. Schon beim Gedanken an die Ankunft habe ich diese kleinen Standardszenen im Kopf: der erste Luftzug, der anders riecht als in Deutschland, irgendwo eine Mischung aus Abgasen, Garküche und warmem Regen; das Gedränge, das keine schlechte Laune kennt, sondern einfach nur Tempo hat; die Lautstärke, die nicht aggressiv ist, sondern lebendig. Und natürlich dieses leise Umstellen im Kopf, wenn man merkt: Hier laufen die Dinge nach anderen Regeln – und erstaunlich oft funktionieren sie trotzdem.
Ein mehrtägiger Abstecher nach Nanjing steht ebenfalls auf dem Programm – jener Ort, an dem ich fast drei Jahre gelebt und gearbeitet habe. Es war eine großartige Zeit. So großartig, dass mir Deutschland anfangs regelrecht exotisch vorkam: Bürokratie, graue Fassaden, Aldi. Man kennt’s. Nanjing ist für mich nicht nur eine Stadt, sondern eine Art Zeitsprungmaschine: einmal durch bestimmte Straßen gehen, und schon ist man wieder der Mensch von damals – ein bisschen mutiger, ein bisschen wacher, ein bisschen weniger überzeugt davon, dass ein Stempel irgendein Naturgesetz ist.
Unsere Basis ist diesmal Dongxing – keine Mega-Metropole, kein Shanghai, kein Peking, nicht mal ein Ort, an dem man zufällig einen internationalen Flughafen „mitnimmt“. Dongxing ist eine Grenzstadt zu Vietnam, direkt am Meer, tropisches Klima, Palmen, salzige Luft, und dieser spezielle Mix aus „hier passiert nicht viel“ und „hier passieren die spannendsten Dinge am Rand“. Wenn man Glück hat, bekommt man morgens Meerblick und abends eine vietnamesische Touristengruppe dazu. Wer braucht schon Millionenstädte, wenn es warm ist, nach Fisch riecht und die Zeit ein bisschen weicher wird?
Die Brüder meiner Frau – der eine Banker, der andere im Handel – sind übrigens ganz entzückt von meinem Job im Braugewerbe. Deutsche Bierkultur trifft Fernost, und da leuchten nicht nur die Augen, sondern möglicherweise auch die Geschäftsideen. Beide haben gute Kontakte in der lokalen Wirtschaft, was in einer kleineren Stadt wie Dongxing wirklich Gold wert ist. Und genau dort – man höre und staune – wollen wir den lange gehegten Traum einer kleinen Craftbier-Bar verwirklichen. Mein Erfahrungsschatz trifft auf familiäre Infrastruktur. Was soll da schon schiefgehen? (Außer vielleicht alles. Aber hey – Prost.)
Die Flüge sind diesmal erfreulich unspektakulär: München nach Peking, dann weiter nach Nanning. Keine absurden Umwege, keine 48-Stunden-Warteschleife in Dubai – einfach hin, so wie man sich das in einer Welt voller „Optimierungen“ schon gar nicht mehr vorstellen kann. Und: Wir fliegen sogar mit Gepäck. Das klingt nach nichts, ist aber inzwischen ungefähr so luxuriös wie ein Sitzplatz im Zug ohne Verspätung.
Ach ja, die Tochter fliegt ebenfalls nach China – allerdings früher, vom 03.03.26 bis einschließlich 17.03.26. Kein Vergnügungstrip, sondern eine Fortsetzung ihrer epischen Zahnbehandlungs-Saga. Irgendwann hat sie mal angefangen, dort ihre Zähne richten zu lassen – wahrscheinlich weil chinesische Kieferorthopäden einfach überzeugender lächeln. Jetzt muss geprüft werden, ob der Biss wieder sitzt. Sie kann leider nicht länger bleiben, weil – Überraschung – das Studium ruft. (Wie unverschämt von der Hochschule, da keine Rücksicht auf internationale Familienlogistik zu nehmen.)
Fazit: Die Tickets sind da, die Pläne stehen, die Wege sind abgesteckt – von Peking bis Nanning, von Nanjing bis Dongxing. Familie, Meerluft, Erinnerungen und vielleicht bald deutsches Craftbier mit Südchina-Sonnenuntergang. Wenn das nicht globalisierte Romantik ist, weiß ich auch nicht.