Wir haben herausgefunden: Als Chinesin darf man mit einem chinesischen Führerschein in Deutschland sechs Monate Auto fahren. Mega großzügig. Kleiner Haken: Der Führerschein ist natürlich komplett auf Chinesisch. Für deutsche Polizisten ist das ungefähr so hilfreich wie ein IKEA-Aufbauplan in Hieroglyphen – es sei denn, sie sprechen zufällig Mandarin. Spoiler: tun sie nicht. Also braucht man eine amtliche, besiegelte, beglaubigte Übersetzung. Weil hier niemand „joa, passt schon“ sagt. Hier sagt man: Stempel.
Der ADAC kann das alles: übersetzen, beglaubigen, siegeln, vermutlich noch kurz zum Papst tragen und segnen lassen. Kostet 98 Euro. Aber was tut man nicht alles, um legal ein Fahrzeug bewegen zu dürfen. Also: chinesischen Führerschein der Tochter zum ADAC nach Deggendorf geschleppt – und siehe da, ein paar Tage später lag das fertige Dokument bereit. Toll. Ein Stück Papier mehr, und plötzlich ist man offiziell eine Person.
Und jetzt kommt der Teil, der mir bis heute Hirnkrämpfe beschert:
Sie darf sechs Monate legal fahren. Also: am öffentlichen Straßenverkehr teilnehmen, Fehler machen, Unfälle bauen – im schlimmsten Fall Menschen gefährden, weil sie… naja… fahren darf. Aber nach exakt sechs Monaten sagt das System: „So. Jetzt bitte nochmal beweisen, dass du fahren kannst.“
Nicht bevor sie fährt. Sondern nachdem sie ein halbes Jahr lang fahren durfte. Logik wie ein Kreisverkehr ohne Ausfahrt: Man fährt rein und fragt sich, warum man hier ist.
Wir hatten der Tochter schon vorher einen Mini Cooper gekauft, weil junge Damen natürlich mit Stil Auto fahren. (Und weil man in Deutschland offenbar Geld erst dann ausgeben darf, wenn es maximal weh tut.) Nachdem die Übersetzung da war, haben wir sie ans Steuer gesetzt.
Das Ergebnis war… sagen wir… eine Vollkatastrophe mit Bonuslevel:
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munter in den Gegenverkehr
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mitten auf der Kreuzung stehen bleiben (Parken: Fortgeschritten)
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in den Gegenverkehr abbiegen (mutig! falsch! aber mutig!)
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und noch so einiges, das vermutlich im Fahrschulbuch unter „Bitte nicht“ steht
Das war fürs Erste die letzte Fahrt am Steuer eines PKW.
Sie hatte zwar einen Führerschein – aber sie konnte wirklich kein Auto fahren. Nicht aus Böswilligkeit. Eher so: anderes Land, andere Regeln, anderer Stress. Unerwartet wie ein Überraschungsei, nur dass statt Spielzeug eine Lebensgefahr drin war.
Also meldeten wir sie bei einer Fahrschule an. In der Provinz. Und in der Provinz ist Englisch ungefähr so verbreitet wie vegane Leberkässemmeln. Der Fahrlehrer konnte kein Englisch. Frage: Wie erklärt man Verkehrsregeln ohne gemeinsame Sprache? Antwort: gar nicht. Oder mit Schrei-Mimik-Gestik und dem Glauben an höhere Mächte. Nach zwei Fahrstunden war klar: Fahrschule wechseln. Schade für die Fahrschule, gut fürs Überleben aller.
In Dingolfing gibt es eine Fahrschule, die auf Mini Cooper unterrichtet. Uns wurde auch zugesagt: ein Fahrlehrer, der Englisch kann. Später stellte sich heraus: Es wurde… sagen wir… kreativ zugesagt. Aber eins nach dem anderen.
Bevor Fahrstunden richtig losgingen, musste erstmal die Theorieprüfung her. Die ging immerhin auf Englisch. Was mich zur nächsten Speziallogik bringt: Theorie auf Englisch? Klar. Praxisprüfung? Komplett auf Deutsch.
Weil man beim Fahren ja vor allem fließend Konjunktiv II beherrschen muss. „Hätten Sie eventuell die Möglichkeit, demnächst die Kupplung zu betätigen?“ – sonst zählt’s nicht.
Sie lernte hart neben dem Studium, dann kam der Prüfungstag. Beim TÜV Süd war die Stimmung wie in einem Endgegner-Level: Fahrschüler wurden gruppenweise durch die Prüfung geprügelt. Einige kamen tränenüberströmt raus, Angehörige standen bereit wie ein Kriseninterventionsteam mit Jacke und Taschentüchern. Unsere Tochter kam freudestrahlend raus und sagte ganz locker, sie hätte einen Fehler eingebaut. Ich innerlich: Aha, das war’s also.
Aber: bestanden. Deutschland gönnt.
Dann begannen die Fahrstunden. Theorieunterricht musste sie als Besitzerin eines chinesischen Führerscheins zum Glück nicht machen. (Was auch nichts gebracht hätte, weil: sie versteht ja nicht, was der Lehrer sagt.) Also: 1.500 Euro angezahlt und los.
Der Fahrlehrer sprach wirklich kein Englisch. Dafür aber einen charmanten niederbayerischen Dialekt, den selbst ich als Muttersprachler nur mit Untertiteln verstanden hätte. Perfekt. Pädagogisch ein Meisterwerk: Kommunikation durch Klangkulisse.
Nach einigen Wochen Training entschieden wir: ab zur praktischen Prüfung. Selbstsicherheit war zwar noch nicht da, aber hey: Hier macht man Dinge nicht, wenn man bereit ist – sondern wenn ein Termin frei ist.
Ein paar Stunden später die Nachricht: Ich darf ein Bündel Elend an der Fahrschule abholen. Nicht bestanden. Überraschung! Wenn man in einer 70er Zone mit 95 km/h dahinzockelt und auch mal rechts vor links kreativ interpretiert („rechts vor links? ich vor allen!“), dann kann das passieren.
Kosten: Prüfung 130 Euro, letzte Fahrstunden über 300 Euro, weil die 1.500 Euro natürlich längst in Rauch aufgegangen waren – in Form von Fahrstunden und Dialekt.
Also nochmal 1.000 Euro überwiesen. Weiter geht’s, weil Aufgeben ist in Deutschland steuerlich nicht absetzbar.
Viele Fahrstunden später: zweiter Prüfungsanlauf. Aufregung jetzt noch größer. Prüfung. Anruf. Durchgefallen.
Das psychisch zerbrochene Kind wieder eingesammelt. Grund: Der Prüfer sagte „geradeaus“. Sie war auf der Rechtsabbiegerspur. Und ist… brav geradeaus gefahren. Weil sie ja gehorsam ist. Und weil Spurmarkierungen offenbar nur Vorschläge sind, wenn man panisch ist. Knockout.
Also wieder Geld verbrannt und sie zum dritten Termin angemeldet.
Fortsetzung folgt…
…und ich hoffe für den Straßenverkehr, dass bis dahin endlich jemand den „Dialekt-zu-Englisch“-Dolmetscher erfindet.