VON HAUTPROBLEMEN, ARZTTERMINSUCHE UND DEM SÜSSEN DUFT DES GESUNDHEITSSYSTEMS
Es ist wirklich toll, wenn man Vergleichsmöglichkeiten hat. Ich rede hier natürlich nicht von so banalem Kram wie Restaurants oder Wetter – nein, ich rede vom richtig harten Zeug: deutsches vs. chinesisches Gesundheitssystem.
Denn warum einfach, wenn’s auch kafkaesk geht?
WIE ES BEGANN – AKA „DER DERMATOLOGISCHE THRILLER“
Meine Stieftochter lebt seit etwa drei Monaten in Deutschland und studiert tapfer in Dingolfing. Es ist Winter, es ist kalt, es ist grau, und Deutschland zeigt sich von seiner besten Seite: ungemütlich mit Schimmel in der Luft.
Statt Netflix & Glühwein gibt’s Lernstress und trockene Heizungsluft. Irgendwann bildet sich auf ihrem Gesicht ein Hautausschlag – ganz sanft, ganz subtil, wie ein SOS-Signal in Pickelform.
Wir stellen uns die Klassikerfrage:
Was ist schuld?
Die Nahrung?
Allergene?
Kultureller Klimaschock?
Das Wasser?
Deutschland?
Wir wissen es nicht. Also: Hautarzt her!
DIE SUCHE NACH DEM HAUTGURU – ODER: ALLES IST WARTELISTE
Deggendorf. Dermatologin. Anrufbeantworter.
Und dann die goldene Durchsage, direkt aus dem Alptraum eines gesetzlich Versicherten:
„Neue Termine ab Juli 2026. Bitte haben Sie Verständnis.“
Na klar, volles Verständnis. Ich verstehe auch, wenn mein Auto erst übernächsten Winter wieder bremst.
Privatpatienten? Vermutlich mit Champagner in der Lounge und wöchentlichem Peeling-Abo.
Aber hey – Hoffnung stirbt zuletzt, also: weiter suchen.
DR. SCHWARZ (DER NAME IST PROGRAMM)
In Landau an der Isar findet sich ein Dermatologe. Nennen wir ihn… Dr. Schwarz. Nicht aus Datenschutzgründen – nein, mit voller Absicht. Der Mann verdient es.
Er hat zwar online eher mittelmäßige Bewertungen, aber immerhin: Er vergibt Termine. In Deutschland 2026 ist das ein Alleinstellungsmerkmal.
Wir fahren hin. Erste Hürde: Er spricht kein Englisch.
Also darf ich mit rein, als Dolmetscher.
Diagnose? Akne.
Klingt plausibel, wenn man mit dem Gesicht diagnostiziert wie mit einem Fernglas durch Milchglas. Ich hatte Zweifel. Große Zweifel.
REGENSBURG: WO DIE RICHTIGEN ÄRZTE SITZEN
Ein paar Tage später: Das „Akne-Medikament“ lässt ihr Gesicht anschwellen wie ein Luftballon beim Kindergeburtstag nach drei Red Bulls.
Samstag. Notaufnahme. Universitätsklinik Regensburg.
Denn das ist die Adresse, wenn man keine Lust mehr auf Zufallsmedizin hat.
Diagnose?
Nicht Akne. Nicht mal annähernd.
Histaminreaktion.
Behandlung?
Histaminblocker.
Ergebnis?
Nach drei Tagen ist das Gesicht wieder im Normalmodus.
Dr. Schwarz?
Ich sag mal so: Seine Approbation hat vermutlich eine bessere Aufenthaltsqualität als sein Wartezimmer.
DER MYTHOS „FACHARZTTERMIN“
Nachdem das Abenteuer so schön angefangen hatte, dachten wir:
„Komm, suchen wir gleich den nächsten Dermatologen – nur so zum Spaß.“
Wieder Deggendorf. Diesmal: kein Anruf, keine Reaktion. Also hinfahren, old school.
Vor uns ein Herr, sehr höflich, sehr nett.
„In sechs bis sieben Monaten vielleicht verstorben…“
Er verlässt das Gebäude mit dem Gesichtsausdruck eines Menschen, der in seinem nächsten Leben lieber in Dänemark versichert sein möchte.
Wir an der Reihe.
Ich atme tief ein und sage leise aber mit Nachdruck:
„Wir würden als Selbstzahler einen Termin wollen.“
Plötzlich, Magie:
„Oh, da geht was. In zwei Tagen. Passt das?“
Und da war er, der Moment, in dem man sich fragt, ob man im Wartezimmer nicht doch versehentlich ein Luxushotel betreten hat.
CHINA RUFT – DEUTSCHLAND WINKT MIT ÜBERWEISUNGEN
Meine Stieftochter, Chinesin, schaut mich irgendwann mit diesem „In meinem Land würden die Leute für sowas verhaftet werden“-Blick an.
Sie bekommt Überweisungen zu:
- Gynäkologie
- HNO
- Zahnmedizin
(Weil… ja. Man weiß ja nie, was Zähne mit Hautausschlag zu tun haben.)
Und dann sagt sie:
„Ich mache das im August in China.“
Und ich so:
„Ja. Tu das. Bitte.“
Bis dahin gibt’s Histaminblocker vom Hausarzt.
Und wir tun einfach so, als wäre das hier ein hochentwickeltes Gesundheitssystem.
Mit Terminvergabe wie im Mittelalter und Prioritäten nach Kontostand.
FAZIT: PEINLICH WIRD ZUM SYSTEM
- Diagnose? Fragwürdig.
- Behandlung? Zufällig.
- Termine? Nur mit Goldkarte.
- Resignation? Komplett.
Wir leben in einem Land, in dem man pünktlich Müll trennt, aber für einen Hautarzttermin einen Kalender aus Granit braucht.
Willkommen in Deutschland.
Hier heilt man langsam.
Aber mit System.