Zunächst schien nach der Ankunft am Flughafen alles ganz normal zu sein. Niemand wartete auf DongMei – wie beruhigend, endlich mal ein Moment ohne Drama – also nahm sie sich schnell ein Taxi nach Hause. Das war wohl ein Fehler. Ein klassischer Anfängerfehler: Eigeninitiative.
Die erste Nacht im eigenen Bett war herrlich erholsam nach zwei Wochen Hotelzimmer. Ein kleines Stück Normalität. Man könnte fast meinen, das Leben sei wieder ein Leben und nicht nur eine Abfolge von Anweisungen.
Dann am frühen Morgen klingelte das Telefon. Das Nachbarschaftskomitee war dran und fragte, warum man sie bei der Ankunft am Flughafen nicht benachrichtigt habe. Sie dürfe nicht auf eigene Faust nach Hause gehen, sondern hätte abgeholt werden müssen. Natürlich. Weil man als erwachsener Mensch zwar reisen, aber nicht allein nach Hause fahren darf. Das wäre ja Chaos.
Tja – da haben die sonst so gut strukturierten Behörden wohl kurz gepennt. Aber das geben sie natürlich nie zu. Stattdessen wird nicht etwa korrigiert, sondern die Schikane einfach auf „Premium“ hochgeschraubt. Fehler passieren schließlich nicht im System – Fehler passieren nur bei den Menschen, die im System leben.
DongMei wurde angewiesen, das Haus nicht zu verlassen und zu warten, bis man sie abholt. Und damit beginnt jetzt der pure Horror: das Gefühl, dass dein Wohnzimmer plötzlich eine Art Wartezimmer ist – nur ohne Zeitschriften und mit mehr Existenzangst.
Kurz darauf standen fünf komplett vermummte Mitglieder des Nachbarschaftskomitees vor der Tür. Fünf. Vermummt. Weil man für den Transport einer einzelnen Person natürlich mindestens das Personalniveau eines Actionfilms braucht. Sie holten DongMei an der Haustür ab und stellten sie vor der gesamten Nachbarschaft bloß – denn wer braucht schon Privatsphäre, wenn man auch eine öffentliche Vorführung haben kann.
Dann wurde sie in einen eigens für sie gecharterten Bus verfrachtet und zum Hotel gefahren. Ein persönlicher Shuttle-Service – nur leider in die falsche Richtung.
Anschließend ging es in ein sehr abgerocktes Hotel. „Hotel“ ist dabei eher ein großzügiger Begriff – es wirkte mehr wie ein ehemaliges Krankenhaus, das irgendwann beschlossen hat, jetzt einfach auch noch Übernachtungen anzubieten. Atmosphäre: Desinfektionsmittel trifft Endzeit-Charme.
Und man merkte ziemlich schnell: Auch die Behörden waren mit der ganzen Situation etwas überfordert. Ich glaube wirklich, mit so etwas waren sie vorher noch nie konfrontiert. Stell dir vor: Da kommt ein chinesischer Bürger aus dem Hochrisikogebiet Deutschland zurück – diesem gefährlichen Ort, an dem Menschen ohne Kontrolle ihre eigenen Entscheidungen treffen, Brötchen anfassen und trotzdem weiterleben. Und dann könnte diese Person natürlich selbst nach zwei Wochen Hotelquarantäne und gefühlt 20 PCR-Tests immer noch hochgradig infiziert sein. Ist doch logisch. Viren haben schließlich einen deutschen Pass und bleiben extra hartnäckig.
DongMei wurde jedenfalls behandelt wie eine Aussätzige. Nicht wie jemand, der gerade zwei Wochen Quarantäne überlebt hat, sondern wie ein wandelnder Biohazard-Container mit Augen. Das war nicht nur unangenehm – das war erniedrigend. Aber hey: Hauptsache, die Abläufe sehen nach Kontrolle aus. Menschlichkeit wäre da nur störend.
Das alles – man halte sich fest – nur für eine einzige Person!! Kein Staatsbesuch, kein Alien-Fund, kein entlaufener Tiger. Einfach DongMei. Und dafür wurde das volle Programm aufgefahren, als hätte sie heimlich eine Zombie-Apokalypse im Handgepäck.
Das Essen war miserabel – so eine kulinarische Mischung aus „Pflicht erfüllt“ und „wir möchten Sie nicht ermutigen, hier länger zu bleiben“. Die Dusche war kaputt, was perfekt passt, wenn man ohnehin schon am Lebenswillen zweifelt. Und als Bonus gab’s dreimal Zimmerwechsel – weil nichts so beruhigend ist wie ständig umzuziehen, während man offiziell „isoliert“ wird. Quarantäne, aber bitte mit Umzugsservice.
Die Woche war zermürbend. Dann endlich die Entlassung – Halleluja, der Mensch darf wieder raus – und anschließend natürlich noch eine Woche Hausquarantäne, bevor das normale Leben weitergehen durfte. Denn man will ja nicht übertreiben… außer man übertreibt.
Eine unglaubliche Geschichte. Leider sehr wahr. Und das Beste: Wenn man sie erzählt, klingt sie wie Satire – aber das Leben hat offenbar einen ganz schlechten Sinn für Humor.